
Aufmerksamkeit galt lange als knappe Ressource, um die Marken konkurrieren. Sichtbarkeit, Reichweite und Präsenz wurden als zentrale Erfolgsgrößen verstanden. Wer oft genug erschien, wurde wahrgenommen – und konnte Wirkung entfalten.
Unsere Forschung zeigt: Dieses Modell greift nicht mehr. Aufmerksamkeit ist nicht nur knapp geworden, sie hat ihre Struktur verändert. Sie ist fragmentiert, situativ und zunehmend fremdgesteuert. Menschen entscheiden immer seltener aktiv, worauf sie achten. Aufmerksamkeit verlagert sich – zwischen Feeds, Systemen, Kontexten und inneren Zuständen.
Wir haben mit 318 Probanden untersucht, wie Marken heute wahrgenommen werden – nicht in Kampagnenlogiken, sondern im realen Aufmerksamkeitsalltag. Im Fokus stand die Frage, wann Marken überhaupt noch ins Bewusstsein gelangen.
Nur 24 % der Befragten gaben an, Marken bewusst wahrzunehmen, weil deren Botschaft sie interessierte. Dagegen beschrieben 66 % Aufmerksamkeit als kontextgetrieben: abhängig von Situation, Stimmung, Nutzungsmoment.
Marken werden nicht gesucht – sie werden zugelassen, wenn sie in den jeweiligen Zustand passen.
Ein zentraler Befund betrifft die Entkopplung von Sichtbarkeit und Wirkung. Hohe Präsenz führte nicht automatisch zu Erinnerung oder Relevanz. 53 % der Probanden berichteten, Marken „gesehen, aber nicht registriert“ zu haben.
Aufmerksamkeit ist damit kein Dauerzustand mehr, sondern ein kurzes Fenster, das sich nur unter bestimmten Bedingungen öffnet.
Feeds, Empfehlungen, Defaults und Vorauswahlen bestimmen zunehmend, was überhaupt ins Blickfeld gerät. 61 % der Befragten gaben an, dass ihre Aufmerksamkeit primär durch Systemlogiken gesteuert wird – nicht durch eigene Auswahl.
Marken konkurrieren damit nicht mehr nur untereinander, sondern mit Aufmerksamkeitsarchitekturen, die sie selbst nicht kontrollieren.
In aufmerksamkeitsarmen Umfeldern zeigte sich ein klarer Effekt: Wiedererkennbare Marken wurden schneller registriert und häufiger erinnert als neue oder erklärungsbedürftige Marken – unabhängig von kreativer Qualität.
Aufmerksamkeit bevorzugt Vertrautes. Neuheit kostet kognitive Energie – und wird zunehmend vermieden.
Die Ergebnisse zeigen keine Gleichgültigkeit gegenüber Marken, sondern eine Schutzreaktion. Unter permanenter Reizbelastung filtern Menschen Aufmerksamkeit aggressiver. Sie lassen nur noch durch, was sofort einordenbar ist.
Psychologisch verschiebt sich Aufmerksamkeit von Exploration zu Schonung. Marken, die zusätzliche Interpretation verlangen, werden ausgeblendet. Marken, die sofort anschlussfähig sind, tauchen auf – kurz, aber wirksam.
Aufmerksamkeit ist damit kein Ziel mehr, sondern ein Resultat von Passung.
Markenführung muss sich von der Idee verabschieden, Aufmerksamkeit „zu gewinnen“. Sie muss lernen, aufmerksamkeitsfähig zu werden.
Wirksame Marken:
Nicht Lautstärke entscheidet, sondern Reibungsarmut im Wahrnehmungsmoment.
Marken, die weiterhin auf maximale Sichtbarkeit setzen, erhöhen oft nur das Grundrauschen.
Marken, die in den richtigen Kontexten auftauchen, werden wahrgenommen – auch ohne Dominanz.
Im Zeitalter der Aufmerksamkeitsverlagerung gilt:
Nicht wer am lautesten ist, wird gesehen.
Sondern wer im richtigen Moment anschlussfähig ist.















































































